Andy, Angie, Deutschland
«Mit dem Anpfiff kommt der Wind. Er faucht durch den Brückenbogen, zerwühlt den Abfallhaufen, bläst der schwarzen Hündin Zora durchs Fell,
die eben noch daran geschnüffelt hat, und weht eine Wolke Isar-Sand auf das zerschlissene Sofa, wo Andy und Angie sitzen, mit Deutschland-Schals und händehaltend. "Mein Gott", sagt Andy, "jetzt beim Fußball kommt der Wind." Bis jetzt war es so ein schöner Tag an der Isar unter der Wittelsbacher Brücke, dem Stammsitz der Münchner Obdachlosen in der Nähe des Deutschen Museums. Kein Wind, keine Polizei; nur Sonne und die Aussicht, dass das Spiel Deutschland gegen Ecuador für 90 Minuten die Langeweile vertreiben würde.

Der Wind singt, der Fernseher auch, und sie erheben sich zur National-
hymne, sieben Obdachlose, selbst Steffen steht kurz auf und hält wankend
das Deutschlandlied durch, das Spiel wird er verschlafen. Nur ein Radio mit Batterien hatten sie bis vor kurzem hier unten, doch dann kam die WM-Euphorie über Deutschland wie ein Virus und sie infizierte jeden Winkel, auch die kleine Gruppe im mittleren Bogen der Wittelsbacher Brücke. Indie hat einen Notruf an eine Münchner Boulevardzeitung geschickt, und zwei Leser haben Fernseher spendiert. Den Strom liefert ein Verlängerungskabel, es führt vom nahen Kiosk über das Brückengeländer, in der Mitte taucht es ab, acht Meter tief.

Sie halten zu dem Land, das ihnen nur Hartz IV bietet
Die Kamera zeigt das Berliner Olympiastadion voller Menschen, "herrlich", sagt Andy. Er trägt ein Trikot des FC Bayern, auf dem Rücken steht sein Straßenname. Den Deutschland-Schal hat er sich "vom Sozi-Geld gekauft",
für vier Euro. Er kann nicht viel erzählen, da fällt schon das 1:0. "Jaaaaa!", brüllt Andy, sein Schrei hallt unter dem Brückenbogen, er streckt seinen Arm nach oben, man sieht die Tätowierungen. Seine Freundin Angie, die sonst wenig spricht, sagt: "So geil", und Hündin Zora bellt.

Sie halten zu Deutschland. Ausgerechnet Andy, Angie und Indie, denen das Land im Moment wenig mehr bietet als einen Platz unter einer Brücke und den Hartz IV-Regelsatz. "Wir sind zwar unten", sagt Indie, "aber wir wollen
einfach auch dabei sein." Indie, der mit wirklichem Namen Frank heißt, hat
eine tragische Geschichte wie viele hier, vor fünf Jahren starben seine Frau
und seine Tochter auf der Autobahn, danach ging es für den ehemaligen Landschaftsgärtner immer weiter nach unten. Der deutsche Staat ist für ihn
das Finanzamt, dem er Steuern schuldet, und jene höhere Macht, die immer wieder droht, die Bögen unter der Wittelsbacher Brücke zu räumen. "Wir haben oft genug vom Staat auf den Sack bekommen", sagt Indie, "aber wir stehen hier trotzdem für Deutschland, weil wir hier geboren sind, weil das unser Vaterland ist". Sein Feuerzeug hat die Farben schwarz-rot-gold.

Manchmal sind die Tage endlos
Auf dem Fernseher fällt immer wieder das Bild aus, ein paar Sekunden, dazwischen feuern die deutschen Fußballmillionäre mittlerweile Schuss um Schuss auf das Tor der Ecuadorianer. "Schon wieder", schimpft Andy leise, "das ist jetzt der fünfte Schuss übers Tor, das ist doch nicht normal." Angie gibt ihm recht, "der muss blöd sein", nuschelt sie. Es geht für Andy um einiges, er hat mit seinem Matratzen-Nachbarn um eine Kiste Bier gewettet, auf ein 4:0. Die Tage unter der Brücke haben seinem Optimismus nicht geschadet.

Manchmal sind sie endlos, diese Tage, wenn schon um fünf die Sonne unter die Brücke scheint und die Vögel loszwitschern. "Dann labern wir halt", sagt Indie, "und wenn wir nichts mehr zu trinken haben, geht einer nach oben zum Supermarkt." Doch während der WM ist alles anders, die Fußballspiele geben den Tagen eine Struktur und den Obdachlosen Gesprächsstoff. "Wir disku-tieren darüber, ob Deutschland Weltmeister wird", sagt Indie, er glaubt daran.

Mitten im Spiel fragen sie Thomas, ob er jetzt nicht hoch auf die Brücke gehen will, ein paar Münzen erbetteln. "Was, beim Fußballspiel?", fragt Thomas entrüstet, "da ist doch keiner da. Nachher geh' ich hoch."

Nachher ist, als Deutschland mit 3:0 gewonnen hat. "Jaaaa, Deutschland!", ruft Indie, schnappt sich eine Deutschlandfahne, schwenkt sie ein paar Mal unter dem Brückenbogen, dann läuft er mit ihr davon über die Isar-Wiesen. Andy singt "wir wollen hüpfen, hüpfen, hüpfen", aber er hüpft nicht, er bleibt einfach sitzen.» (Marc Widmann)